Special Prosecutor for Crimes in Darfur Yasir Ahmed Mohamed (R) and his team talk to women during an investigation into allegations of mass rape in the village of Tabit, in North Darfur, November 20.

(New York) – Streitkräfte der sudanesischen Armee haben bei einem koordinierten Angriff auf die Stadt Tabit in Nord-Darfur im Oktober 2014 mehr als 200 Mädchen und Frauen vergewaltigt, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht. Die Vereinten Nationen und die Afrikanische Union sollen dringend Maßnahmen ergreifen, um die Zivilbevölkerung der Stadt vor weiteren Menschenrechtsverletzungen zu schützen.

Der 48-seitige Bericht „Mass Rape in Darfur: Sudanese Army Attacks Against Civilians in Tabit“ dokumentiert die Angriffe der sudanesischen Armee in Tabit, bei denen ab dem 30. Oktober 2014 in einem Zeitraum von 36 Stunden mindestens 221 Mädchen und Frauen vergewaltigt wurden. Sollte sich zeigen, dass die Massenvergewaltigung im Zuge eines großangelegten bzw. systematischen Angriffs auf die Zivilbevölkerung verübt wurden, so wäre dies ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

„Der gezielte Angriff auf Tabit und die Massenvergewaltigung von Frauen und Mädchen in dieser Stadt markiert einen neuen Tiefpunkt in der Geschichte der Gräuel in Darfur“, so Daniel Bekele, Leiter der Afrika-Abteilung von Human Rights Watch. „Die sudanesische Regierung soll aufhören, dies zu leugnen, und unverzüglich dafür sorgen, dass Friedenstruppen und internationale Ermittler Zugang nach Tabit erhalten.“

Die ersten Anschuldigungen wegen Massenvergewaltigung wurden am 2. November in einem Bericht des in den Niederlanden beheimateten Radiosenders Dabanga erhoben. Der Sudan leugnete den Bericht und verweigerte den Friedenstruppen den Zugang nach Tabit. Am 9. November ließ die Regierung die Blauhelme zwar für einen kurzen Zeitraum passieren, die Sicherheitskräfte hinderten sie jedoch daran, eine glaubwürdige Untersuchung durchzuführen.

Im November und Dezember 2014 sprach Human Rights Watch mit mehr als 50 Bewohnern und ehemalige Bewohnern von Tabit. Aufgrund der Zugangsbeschränkungen fanden die Befragungen am Telefon statt. Befragt wurden auch Menschenrechtsbeobachter, Regierungsvertreter und Mitarbeiter der AU-UN-Hybridmission in Darfur (UNAMID). Obwohl kein direkter Zugang bestand, konnte Human Rights Watch viele einzelne Fälle bzw. Anschuldigungen durch Querbezüge überprüfen und verifizieren.

Die sudanesische Armee führte drei verschiedene Militäroperationen durch, während derer Soldaten von Haus zu Haus gingen, plünderten, Männer festnahmen, Bewohner schlugen und Frauen und Mädchen in ihren Häusern vergewaltigten. Human Rights Watch hat 27 voneinander unabhängige Fälle von Vergewaltigung dokumentiert und glaubwürdige Hinweise auf über 194 weitere Fälle erhalten. Zwei Überläufer sagten gegenüber Human Rights Watch unabhängig voneinander, ihre Befehlshaber hätten ihnen befohlen, „Frauen [zu] vergewaltigen“.

Tabit wird größtenteils von Menschen aus der Volksgruppe der Fur bewohnt und stand in den vergangenen Jahren unter der Kontrolle bewaffneter Rebellengruppen. Human Rights Watch fand jedoch keine Anhaltspunkte dafür, dass sich zur Zeit der Angriffe Kämpfer der Rebellen in Tabit und Umgebung befanden.

Eine Frau im Alter zwischen 40 und 50 Jahren beschrieb den Angriff auf sie und ihre vier Töchter, von denen zwei jünger als 11 Jahre waren, mit den Worten: „Sofort nachdem sie hereingekommen waren, sagten sie: ‚Ihr habt unseren Mann getötet. Wir werden euch die wahre Hölle zeigen.‘ Dann begannen sie, uns zu schlagen. Sie vergewaltigten mich und meine drei Töchter. Einige von ihnen hielten das Mädchen fest, während ein anderer es vergewaltigte. So taten sie es, einer nach dem anderen.“

Eine andere Frau sagte, die Soldaten hätten sie brutal geschlagen und aus ihrem Haus gezerrt. Als sie zurückgekehrt sei, habe sie bemerkt, dass die Männer drei ihrer Töchter vergewaltigt hätten, alle jünger als 15 Jahre. „Sie schlugen die kleinen Kinder und vergewaltigten meine älteren Töchter... Sie stopften Kleider in [ihre] Münder, damit niemand sie schreien hörte“, so die Befragte.

In zwei Nächten trieben die Soldaten laut Augenzeugenberichten große Gruppen von Männern an den Stadtrand von Tabit und setzten ihre Frauen und Kinder damit der Gefahr von Übergriffen in ihren Häusern aus. Die Soldaten bedrohten und schlugen die Männer die gesamte Nacht hindurch.

Seit diesen Angriffen hat die sudanesische Regierung UN-Ermittlern den Zugang zu der Stadt verweigert. So versucht sie zu verhindern, dass Opfer und Augenzeugen Informationen über die Verbrechen weitergeben. Zahlreiche Opfer und Augenzeugen gaben an, Regierungsbeamte hätten damit gedroht, jeden zu inhaftieren oder zu töten, der offen über die Angriffe spreche.

Die Behörden haben Bewohner von Tabit, die öffentlich über die Vorfälle sprachen, verhaftet oder gefoltert. Ein Mann, der während eines Gesprächs mit einem Verwandten belauscht und daraufhin in ein Gefängnis des Militärgeheimdiensts gebracht worden war, sagte gegenüber Human Rights Watch: „Sie sagten, wenn ich noch einmal über Tabit spräche, würde man mich töten... Sie traten mich, fesselten mich und hängten mich auf. Sie schlugen mich mit Peitschen und Stromkabeln.“

Die Behörden haben auch verhindert, dass Menschen in die Stadt gelangen oder diese verlassen. Ein Bewohner von Tabit sagte gegenüber Human Rights Watch, die Menschen lebten seit den Angriffen in einem „Gefängnis unter freiem Himmel“.

Die Angriffe auf Tabit erfolgten im Kontext zunehmender Angriffe von Regierungstruppen auf Zivilisten. Die neu geschaffenen „Schnellen Unterstützungstruppen“ (Rapid Support Forces, kurz RSF), welche hauptsächlich aus ehemaligen Milizionären bestehen, standen an der Spitze einer Serie von Angriffen auf Dörfer im Jahr 2014. Im Januar 2015 berichtete der UN-Expertenausschuss zum Sudan, im vergangenen Jahr seien im Sudan mehr als 3.000 Dörfer niedergebrannt worden, vorwiegend bei Angriffen, die von Regierungstruppen angeführt wurden. Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten erklärte, durch die Angriffe im Jahr 2014 seien mehr als eine halbe Million Menschen vertrieben worden; für die ersten drei Wochen im Jahr 2015 belaufe sich diese Zahl bereits auf rund 70.000.

Sexuelle Gewalt war ein auffälliges Merkmal der jüngsten Angriffe der sudanesischen Streitkräfte gegen Zivilisten nicht nur in Tabit, sondern auch andernorts im Sudan. Im November 2014 dokumentierte Human Rights Watch weitverbreitete sexuelle Gewalt – häufig durch die RSF – gegen Personengruppen mit mutmaßlichen Verbindungen zu den Rebellen im Bundesstaat Blauer Nil. Bei Human Rights Watch gingen während des vergangenen Jahres noch viele weitere Berichte über sexuelle Gewalt durch diese Truppen in Darfur ein.

Die UN und die AU sollen den Sudan auffordern, den Friedenstruppen uneingeschränkten Zugang nach Tabit zu gewähren und dafür zu sorgen, dass allen Bedürftigen medizinische Hilfe zur Verfügung steht. Das Büro des UN-Hochkommissars für Menschenrechte soll ein Expertenteam für sexuelle und genderspezifische Gewalt zusammenstellen, um die mutmaßlichen Menschenrechtsverletzungen in Tabit zu untersuchen. Die AU soll dies durch die Bereitstellung von Ermittlern unterstützen, die über Fachwissen auf dem Gebiet sexueller und genderspezifischer Straftaten verfügen.

Human Rights Watch appelliert auch an den Internationalen Strafgerichtshof (IStGH), den Vorfall so umfassend wie möglich zu untersuchen. Beim IStGH sind Anklagen gegen fünf Personen anhängig, die in Verbindung mit den Gräueltaten in Darfur stehen sollen, darunter Präsident Omar al-Baschir, der für Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Völkermord verantwortlich sein soll. Der Sudan weigert sich jedoch, mit dem IStGH zu kooperieren, und behindert seine Arbeit vielmehr. Die Anklägerin des IStGH sagte im Dezember 2014 vor dem UN-Sicherheitsrat, sie benötige wesentlich mehr Unterstützung von Seiten des Rates, um gegen die mangelnde Kooperation des Sudans mit dem Tribunal vorzugehen. Der Sicherheitsrat hat im Jahr 2005 die Lage in Darfur an den IStGH überwiesen.

„Der Sudan tut alles in seiner Macht stehende, um die schrecklichen Verbrechen seiner Soldaten in Tabit zu vertuschen. Doch die Überlebenden haben sich furchtlos dafür entschieden, offen zu sprechen“, so Bekele. „Der UN-Sicherheitsrat und die AU sollen den Sudan auffordern, diese Angriffe zu beenden, die Bewohner von Tabit durch rasches Handeln zu schützen und eine glaubwürdige Untersuchung durchzuführen.“