Angehörige trauern um Kiran Yadav, die nach der Geburt ihres Kindes starb. Gopalpur, Uttar Pradesh.

© 2009 Susan Meiselas/Magnum

(Lucknow, Indien, 7. Oktober 2009) – Zehntausende indische Frauen und Mädchen sterben während der Schwangerschaft, bei der Entbindung und in den Wochen danach, obwohl staatliche Programme kostenlose geburtsmedizinische Versorgung garantieren, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht.

Der 150-seitige Bericht „No Tally of the Anguish: Accountability in Maternal Health Care in India“ dokumentiert, wie bei der medizinischen Versorgung von Schwangeren im nordindischen Bundesstaat Uttar Pradesh sowie bei der Behebung von Mängeln in der Gesundheitsversorgung wiederholt schwere Fehler begangen wurden. Uttar Pradesh hat eine der höchsten Sterblichkeitsraten von Säuglingen in Indien. Doch Studien der Regierung zeigen, dass dieser Bundesstaat nicht der einzige mit derartigen Missständen ist. So wird nicht einmal erhoben, wie viele Frauen während der Schwangerschaft sterben.

„Solange Indien die Zahl der Frauen, die aufgrund ihrer Schwangerschaft sterben, noch nicht einmal dokumentiert, wird es weiterhin Tausende vermeidbare Todesfälle geben“, so Aruna Kashyap, Asien-Expertin der Frauenrechtsabteilung von Human Rights Watch. „Das Prinzip der Rechenschaftspflicht mag wie eine abstrakte Idee sein, doch für die Frauen in Indien ist dies eine Frage, die über Leben und Tod entscheidet.“

Der Bericht gibt zahlreiche Beispiele, in denen das Versagen des Gesundheitssystems tragische Folgen hatte. So traten bei Kavita K. nach der Geburt Komplikationen auf. Laut ihrem Vater, Suraj S., habe man sie im örtlichen Gesundheitszentrum jedoch nicht behandeln können. Die Familie habe daraufhin in drei verschiedenen Städten versucht, sie in ein staatliches Krankenhaus zu bringen.

„Von Mittwoch bis Sonntag – fünf Tage lang – gingen wir mit ihr von einem Krankenhaus zum nächsten“, so Suraj S. im Gespräch mit Human Rights Watch. „Nirgends wollte man sie aufnehmen. In Lucknow wurde sie schließlich aufgenommen. Sie wurde ungefähr eine Stunde lang behandelt, dann starb sie.“

Im Jahr 2005 rief die indische Regierung die National Rural Health Mission ins Leben, ein Vorzeigeprojekt zur Verbesserung der Gesundheitsversorgung auf dem Land mit besonderem Schwerpunkt auf der Geburtsmedizin. Das Programm verspricht „konkrete Versorgungsgarantien“, dazu gehören die kostenlose Behandlung vor und während der Entbindung, stationäre Behandlung in Krankenhäusern, eine umfassende geburtsmedizinische Notfallversorgung, Überweisungen im Falle von Komplikationen sowie die medizinische Versorgung nach der Geburt. Die Ermittlungen von Human Rights Watch zeigen jedoch, dass das System häufig hinter den Versprechungen zurückbleibt.

Der Bericht findet entscheidende Schwachstellen bei den Instrumenten, mit denen das Gesundheitssystem überwacht und wiederkehrende Probleme in den Programmen und in der medizinischen Praxis aufgespürt werden sollen. Erhebungen, wie und warum schwangere Frauen geschädigt werden oder sterben oder wie viele Schwangere mit Komplikationen Zugang zur staatlichen geburtsmedizinischen Notfallversorgung haben, mögen bürokratisch und realitätsfern wirken. Sie sind jedoch entscheidende Mittel, um rechtzeitige medizinische Eingriffe zu garantieren und Leben zu retten.

Zwei Mängel im System betrachtet Human Rights Watch als besonders schwerwiegend:

  • Auf Bezirksebene werden notwendige Daten nicht erhoben, etwa wo, wann und warum es zu Verletzungen und Todesfällen kommt und ob Schwangere im Falle von Komplikationen tatsächlich geburtsmedizinische Erste Hilfe erhalten.
  • Es fehlen leicht zugängliche Beschwerde- und Entschädigungsverfahren, auch um auf Notfälle reagieren zu können.

„Indien hat eingeräumt, dass Tausende seiner Bürgerinnen unnötig sterben, und es könnte zu einem Musterbeispiel für die Behebung solcher fataler Missstände werden“, so Kashyap. „Doch trotz guter Absichten der indischen Regierung schützt das System noch immer viele Frauen nicht vor gesundheitlichen Schäden und Tod.“

Die Untersuchungen für den Bericht wurden von November 2008 bis August 2009 durchgeführt und beinhalteten Feldforschung sowie Gespräche mit Opfern, Angehörigen, Gesundheitsexperten, Beamten und Menschenrechtlern in Uttar Pradesh und an anderen Orten in Indien. Die Mitarbeiter von Human Rights Watch werteten zudem Studien der Regierung und Berichte lokaler und internationaler Nichtregierungsorganisationen aus.

In Uttar Pradesh wurde auch deutlich, wie viel Arbeit den Gesundheitsbehörden – obwohl sie die medizinische Infrastruktur zurzeit verbessern – noch bevorsteht. Ein Großteil der staatlichen Gesundheitseinrichtungen bietet noch nicht einmal grundlegende geburtsmedizinische Notfallbehandlungen an. Viele Einrichtungen haben zwar in Geburtshilfe ausgebildetes Personal. Sie schaffen es jedoch häufig nicht, schwangeren Frauen das Leben zu retten, weil ihnen die Unterstützung durch ein funktionierendes Gesundheitssystem fehlt. Dazu gehören ausreichend verfügbare Medikamente, Erste Hilfe und ein Überweisungssystem bei Komplikationen.

Die Wirklichkeit in indischen Krankenhäusern entspricht bei weitem nicht dem, was den Frauen auf dem Papier garantiert wird. Niraja N., die als Beraterin im Gesundheitswesen arbeitet, begleitet regelmäßig schwangere Frauen zu medizinischen Einrichtungen, damit sie dort entbinden können. Im Gespräch mit Human Rights Watch sagte sie:

„Niemand bekommt etwas umsonst. Wenn wir eine Frau zur Entbindung in ein Krankenhaus bringen, muss sie für das Abtrennen der Nabelschnur bezahlen... für Medikamente, für die Reinigung. Die Stationsschwester verlangt ebenfalls Geld. Sie fragen die Familie nicht direkt. Wir müssen das Geld von der Familie holen und es ihnen [den Stationsschwestern] geben. Wenn Kollegen die Anweisungen der Stationsschwestern nicht befolgen oder mit Beschwerden drohen, wird ein Vermerk gemacht. Sie erinnern sich an unsere Gesichter und wenn wir das nächste Mal kommen, behandeln sie die Patientinnen [die wir zur Entbindung bringen] nicht. Sie schauen uns an und sagen „Überweisung“, selbst wenn es sich um einen normalen Fall handelt.“

Diese Missstände werden dadurch begünstigt, dass viele Frauen sich ihrer Ansprüche im Rahmen der Gesundheitsprogramme nicht bewusst sind. Zudem finden ihre Beschwerden und Bedenken über die Behandlungen in den Gesundheitseinrichtungen und durch medizinische Fachkräfte kein Gehör.