Hunderte Schwule, Lesben, Bi- und Transsexuelle demonstrieren in Neu Dehli, Indien, für ihre Rechte.

© 2008 Reuters

(New York, 11. Juni 2009) - Aktivisten für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender (LGBT) sind in vielen Ländern auch nach vier Jahrzehnten des Kampfes noch immer finanziell unterversorgt, unnötig isoliert und von gewalttätigen Gegenreaktionen bedroht, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht.

Der 44-seitige Bericht „Together, Apart: Organizing around Sexual Orientation and Gender Identity Worldwide“ zeigt, dass viele LGBT-Gruppen – vor allem auf der südlichen Halbkugel – nach wie vor nur begrenzten Zugang zu Finanzmitteln haben. Zudem bieten sie couragiert zum Teil tödlichen Übergriffen die Stirn, ohne eine angemessene Unterstützung aus der breiteren Menschenrechtsbewegung zu erhalten.

„Dutzende Länder haben Sodomie-Gesetze aufgehoben oder Gleichheitsmaßnahmen festgeschrieben, und das ist die gute Nachricht, wenn Aktivisten im Gay-Pride Monat ihre Erfolge feiern“, sagte Scott Long, Leiter des Programms für die Rechte von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender von Human Rights Watch und wichtigster Autor des Berichts. „Aber öffentliche Sichtbarkeit löst Gewalt aus und es besteht ein dringender Bedarf nach neuer Unterstützung und neuen Schutzmaßnahmen.“

Der Bericht basiert auf schriftlichen Befragungen und ausführlichen Interviews mit mehr als 100 Aktivisten für LGBT-Rechte aus fünf Weltregionen: Afrika südlich der Sahara, dem Nahen Osten und Nord-Afrika, Osteuropa und Zentralasien, Asien und dem pazifischen Raum sowie Lateinamerika und der Karibik. Für jede Region beschreibt der Bericht die vorherrschenden Muster von Missbräuchen und Rechtsverletzungen, die politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen und die Chancen für Aktivisten sowie die wichtigsten Strategien, die diese Bewegungen nutzen, um gesellschaftlichen Wandel zu erreichen.

Der Bericht zeigt stark unterschiedliche Rechtslagen in verschiedenen Regionen. In Lateinamerika zum Beispiel haben Jahrzehnte gemeinsamer Arbeit zwischen LGBT-Aktivisten und anderen sozialen Bewegungen – einschließlich der Frauenbewegung und allgemeinen Menschenrechtsgruppen – zu weit reichenden rechtlichen Änderungen geführt: Die meisten Sodomie-Gesetze in der Region wurden aufgehoben und neue Anti-Diskriminierungsmaßnahmen diskutiert. Dennoch bleiben repressive Gesetze und die weite Verbreitung von Gewalthandlungen wegen Geschlechtsidentitäten und -ausdrucksweisen bestehen.

In vielen afrikanischen Ländern südlich der Sahara dokumentiert der Bericht, dass die Bemühungen von LGBT-Aktivisten, ihren Stimmen Gehör zu verschaffen, regelmäßig auf starken Widerstand stoßen. Oftmals werden sie dabei mit brutaler Gewalt zum Schweigen gebracht. Extremistische religiöse Gruppen – zum Teil mit der Unterstützung ähnlich gesinnter Glaubensgemeinschaften aus Nordamerika – fördern aktiv Vorurteile und Hass.

Die wichtigsten Ergebnisse des Berichts sind:

  • Organisationen, die sich mit sexueller Orientierung und Geschlechtsidentität auseinandersetzen, fehlt es noch immer an Ressourcen sowie einer angemessenen Unerstützung durch andere Menschenrechtsakteure. Eine Steigerung der finanziellen Mittel für diese Menschenrechtsverteidiger und ein Ausbau ihrer politischen Allianzen sind von entscheidender Bedeutung.
  • Die Verteidiger von LGBT-Rechten und sexuellen Rechten im Allgemeinen sind häufig außerordentlicher Gewalt ausgesetzt. In Jamaika umringte eine wütende Menschenmenge eine Kirche, in der die Beerdigung eines homosexuellen Mannes stattfand, und prügelte auf die Trauernden ein. Eine Gruppe in Kenia berichtete nüchtern gegenüber Human Rights Watch, dass ihre Mitglieder „von einem wütenden Mob, der sie lynchen wollte, angegriffen wurden, so dass sie unter strengen Sicherheitsmaßnahmen evakuiert werden mussten“.
  • Sexualität hat sich zu einem gefährlichen kulturellen und religiösen Schlachtfeld entwickelt. In zunehmendem Maße gebrauchen sowohl Politiker als auch konservative religiöse Führer die Begriffe „Geschlecht“ und „Sexualität“, um Einfluss zu gewinnen oder Macht zu sichern. Sie bezeichnen Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender als unerwünscht in ihren Gemeinschaften, als Außenseiter, deren Rechte und Leben keine Rolle spielen.
  • Die Notwendigkeit von Gesetzesänderungen ist nach wie vor ein zentrales Thema – aber in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen. Mehr als 80 Länder haben immer noch „Sodomie-Gesetze“, durch die gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Erwachsenen kriminalisiert werden, selbst wenn sie auf gegenseitigem Einverständnis beruhen. Doch auch in den Ländern, die diese Bestimmungen beseitigt haben, gibt es nach wie vor Gesetze bezüglich „öffentlichen Ärgernisses“, „Unanständigkeit“, „des Tragens der Kleidung des anderen Geschlechts“ und Sexarbeit, die beträchtliche polizeiliche Schikanen gegenüber Transgender und anderen Personen ermöglichen. So stellte etwa die Verankerung der Gleichberechtigung von homosexuellen Menschen in der südafrikanischen Verfassung ein Beispiel mit weltweiter Symbolwirkung dar. Dennoch ist die südafrikanische Regierung dem Prinzip der Gleichstellung nach wie vor nicht uneingeschränkt auf allen Ebenen verpflichtet oder in der Lage, sexuelle Gewalt einzudämmen.

Der Bericht beschreibt auch kreative Strategien von Aktivisten, um Vorurteile zu bekämpfen und Gleichstellung zu fördern. In Indien haben Aktivisten den juristischen Kampf gegen das Sodomie-Gesetz mit einer breit angelegten Kampagne verbunden, um die öffentlichen Meinung zu verändern.

In Brasilien haben Transgender-Verbände durch monatliche „Exkursionen“ in Einkaufszentren oder an Strände ihre Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit erhöht und Diskriminierung bekämpft. Aktivisten schilderten Human Rights Watch, dies helfe Transgender, „sich gestärkt in einer Gruppe zu fühlen und sich in Räume zu begeben, von denen sie glaubten, dass sie Tabu für sie seien. Gleichzeitig soll die Öffentlichkeit auch lernen, Transgender als Mitbürger anzuerkennen, … mit denen sie einen Film, ein Spiel oder den Strand teilen können.“

Dieses Jahr findet in New York City der 40. Jahrestag der Stonewall Riots statt, den historisch bedeutenden und aufschreckenden Zusammenstößen zwischen Lesben, Schwulen, Bisexuellen sowie Transgender und der Polizei, die für viele den Anfang der modernen amerikanischen Lesben- und Schwulenbewegung markieren. Dennoch haben die USA immer noch weniger Schutzvorkehrungen für die Gleichberechtigung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen und Transgender als Länder wie Brasilien oder Südafrika.

„Während sich die Vereinigten Staaten darauf vorbereiten, den 40. Jahrestag ihrer eigenen Lesben- und Schwulenbewegung zu begehen, verweist dieser Bericht auf die Erfahrungen der Kämpfe und Erfolge in anderen Ländern, von denen jeder lernen kann“, sagte Long.