Am 15. August 2026 jährt sich zum fünften Mal die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan. In den letzten fünf Jahren haben die zunehmend drakonischen Maßnahmen der Taliban dazu geführt, dass Afghanistan zu einem Schauplatz einer der schwerwiegendsten Menschenrechtskrisen weltweit geworden ist, insbesondere für Frauen und Mädchen.
Kurz nach der Machtübernahme verboten die Taliban Frauen und Mädchen den Zugang zur Sekundar- und Hochschulbildung. Frauen sind zudem mit stark eingeschränkten Möglichkeiten in den Bereichen Erwerbstätigkeit, Meinungsfreiheit und Freizügigkeit außerhalb ihres Zuhauses konfrontiert, was es humanitären Hilfsorganisationen erschwert, sie zu erreichen. Journalist*innen, Aktivist*innen und Personen, die als Kritiker*innen der Taliban wahrgenommen werden, sind Einschüchterungen, willkürlichen Festnahmen, Inhaftierungen und Folter ausgesetzt. Mehrere hundert Angehörige der Sicherheitskräfte der ehemaligen Regierung wurden Opfer gewaltsamen Verschwindenlassens oder außergerichtlicher Tötungen.
Zudem leiden Afghan*innen unter einer langwierigen anhaltenden humanitären Krise. Seitdem der Großteil der Auslandshilfe für Afghanistan eingestellt wurde, ist die Hälfte der Bevölkerung auf Nahrungsmittel- und medizinische Hilfe angewiesen. Mehr als 3,7 Millionen Kinder sind von akuter Unterernährung betroffen, und die Gesundheitsversorgung ist erheblich geschwächt. Die massenhafte Rückkehr afghanischer Geflüchteter aus Pakistan und Iran hat die Krise noch weiter verschärft, da den meisten Rückkehrer*innen Wohnraum sowie Existenzgrundlagen oder Einkommensquellen fehlen.
Der erneute bewaffnete Konflikt mit Pakistan sowie vereinzelte Angriffe durch den Islamischen Staat (IS) haben Hunderte zivile Opfer gefordert.
Zwar gab es in den letzten Jahrzenten praktisch keinerlei Rechenschaftslegung für die von allen Konfliktparteien begangenen Menschenrechtsverletzungen, doch erhielten die Bemühungen um Gerechtigkeit im Jahr 2025 neuen Auftrieb durch die vom Internationalen Strafgerichtshof erlassenen Haftbefehle und die wegweisende Einrichtung einer UN-Untersuchungskommission.
Nachfolgend findet sich eine Zusammenfassung der Berichterstattung von Human Rights Watch aus den letzten fünf Jahren.
1
August 2021 — Ein Land verändert sich über Nacht
Mit dem Einmarsch der Taliban in Kabul im August 2021 veränderte sich Afghanistan praktisch über Nacht. Tausende Menschen stürmten verzweifelt zum Flughafen, um das Land zu verlassen. Unter ihnen Journalist*innen, zivilgesellschaftliche Aktivist*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen, ehemalige Mitarbeiter*innen der Regierung – darunter auch Richterinnen – und Menschen, die mit den westlichen Regierungen zusammengearbeitet hatten: Sie alle fürchteten Vergeltungsmaßnahmen. Öffentliche Zusicherungen seitens der Taliban-Führung wurden rasch durch Meldungen über Einschüchterungen und Hausdurchsuchungen widerlegt.
Mehr erfahren: Afghanistan: Sorge nach Taliban-Äußerungen zu Menschenrechten;
2
“No Forgiveness for People Like You”: Vergeltungsmorde und Verschwindenlassen Ex-Beamter
Nach ihrer Machtübernahme verübten die Taliban trotz öffentlicher Amnestieversprechen Vergeltungsmorde an ehemaligen Sicherheitskräften der Regierung. Human Rights Watch dokumentierte standrechtliche Hinrichtungen und gewaltsames Verschwindenlassen in mehreren Provinzen des Landes.
Mehr erfahren: “No Forgiveness for People Like You”: Taliban lassen Ex-Beamte hinrichten oder verschwinden
3
Starke Einschränkung der Medien durch die Taliban
Fast unmittelbar nach ihrer Machtübernahme gingen die Taliban gegen unabhängige Medien vor. Taliban-Kämpfer schlugen und verhafteten Journalist*innen, verhängten Berichterstattungsbeschränkungen und überwachten Redaktionen. Hunderte von Medienunternehmen mussten schließen, ihre finanziellen Mittel versiegten, und viele Reporter*innen flohen aus dem Land oder stellten ihre Arbeit ein. Vor allem Journalistinnen waren davon betroffen und wurden entweder vom Bildschirm verdrängt oder aus den Redaktionen vertrieben. Die Einschränkung des zivilgesellschaftlichen Raums erschwerte die unabhängige Berichterstattung zunehmend.
Mehr erfahren: Afghanistan: Taliban treten die Medienfreiheit mit Füßen
4
Verbot höherer Schulbildung für Mädchen
Im März 2022 führten die Taliban ein Verbot der Sekundarschulbildung für Mädchen ein – eine Maßnahme, die eine ganze Generation von Schülerinnen trifft. Mädchen, die darauf gehofft hatten, Ärztinnen, Lehrerinnen, Ingenieurinnen oder Journalistinnen zu werden, wurden nach der sechsten Klasse gezwungen, zu Hause zu bleiben.
Mehr erfahren: Bildung für Mädchen in Afghanistan: ‘I Don’t Think I Have a Future’
5
Frauen, die Widerstand leisten, werden misshandelt und gefoltert
Afghanische Frauen wurden unter der Taliban-Herrschaft zum Gesicht des Widerstands und demonstrierten in Kabul, Herat, Bamiyan und anderen Provinzen. Die Taliban reagierten mit Gewalt, Schlägen, Drohungen und willkürlichen Verhaftungen. Einige Frauen wurden festgenommen, ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten, zu Geständnissen gedrängt und gewarnt, nie wieder zu protestieren.
„Brot, Arbeit, Freiheit“ wurde zum Schlachtruf der afghanischen Frauen, die trotz Überwachung, Drohungen und Verhaftungen weiter protestierten. Ihr Widerstand ist nach wie vor eine der deutlichsten Zeugnisse dafür, dass afghanische Frauen eine Vorreiterrolle im Kampf um ihre Rechte eingenommen haben.
Mehr erfahren: Afghanistan: Demonstrantinnen schildern Übergriffe durch Taliban
6
Afghanistan steckt in einer humanitären Krise
Der Verlust ausländischer Finanzhilfen und -unterstützung nach der Machtübernahme durch die Taliban beschleunigte den wirtschaftlichen Zusammenbruch und die humanitäre Krise in Afghanistan. Da die Mittel für öffentliche Dienstleistungen drastisch gekürzt wurden und mit dem Abzug der ausländischen Truppen zahlreiche Arbeitsplätze verloren gingen, wurden viele Familien in die Armut getrieben und mussten Mahlzeiten überspringen, um zu überleben. Die von den Taliban auferlegten Beschränkungen für weibliche Entwicklungshelferinnen erschwerten es den humanitären Organisationen, Frauen und Mädchen zu erreichen – gerade zu einer Zeit, in der diese noch mehr Hilfe benötigten. Hunger, Armut und vermeidbare Krankheiten wurden für Millionen Menschen zur täglichen Realität.
Mehr erfahren: Schwere Entscheidungen in Afghanistans humanitärer Krise
7
LGBT-Afghan*innen im Visier der Taliban
Lesbische, schwule, bisexuelle und transgender (LGBT) Menschen in Afghanistan waren nach der Machtübernahme durch die Taliban verstärkten Drohungen und Übergriffen ausgesetzt. Viele versuchten, aus dem Land zu fliehen. Human Rights Watch dokumentierte Drohungen, Schläge und sexuelle Gewalt gegen LGBT-Personen sowie Fälle willkürlicher Inhaftierungen durch die Taliban.
Mehr erfahren: Afghanistan: Taliban nehmen LGBT-Afghan*innen ins Visier
8
Das Verbrechen gegen die Menschlichkeit der geschlechtsspezifischen Verfolgung
Die Taliban-Behörden haben ein System bestehend aus Gesetzen, Verordnungen und Verhaltensregeln eingeführt, welches Frauen und Mädchen aufgrund ihres Geschlechts vorsätzlich ihrer Grundrechte beraubt. Human Rights Watch ist zu dem Schluss gekommen, dass diese weit verbreitete und systematische Unterdrückung von Rechten dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit in Form von geschlechtsspezifischer Verfolgung gleichkommt.
Das von den Taliban im August 2024 erlassene Gesetz „Über die Förderung des Guten und die Verhinderung des Bösen“ verankert weitergehende Einschränkungen hinsichtlich der Bewegungsfreiheit, Kleidungsvorschriften, Meinungsäußerung, Erwerbstätigkeit und öffentlichen Präsenz von Frauen. Eine neue Strafprozessordnung verschärft die Unterdrückung und Diskriminierung noch weiter, unter anderem durch eingeschränkten rechtlichen Schutz für Überlebende häuslicher Gewalt und eine verstärkte Kontrolle der Taliban über die Selbstbestimmung von Frauen.
Am 8. Juli 2025 erließ der Internationale Strafgerichtshof Haftbefehle gegen zwei hochrangige Taliban-Führer wegen des Verbrechens gegen die Menschlichkeit der geschlechtsspezifischen Verfolgung von Frauen, Mädchen und nicht geschlechtskonformen Menschen.
Mehr erfahren: Afghanistan: Behandlung von Frauen und Mädchen durch Taliban ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit
9
Taliban richten mutmaßliche Kämpfer hin oder lassen sie gewaltsam verschwinden
Die Taliban haben Menschen, denen sie Verbindungen zum Islamischen Staat vorwerfen, gezielt verfolgt und diese hingerichtet oder gewaltsam verschwinden lassen. Die von den Taliban-Behörden Inhaftierten haben in der Regel keinen Zugang zu Rechtsbeistand oder zu ihren Familien.
Mehr erfahren: Afghanistan: Taliban lassen mutmaßliche Kämpfer hinrichten oder verschwinden
10
Afghan*innen sterben wegen fehlender Gesundheitsversorgung
Die Gesundheitskrise in Afghanistan wurde zu einer der sichtbarsten Folgen des wirtschaftlichen Zusammenbruchs, der Kürzungen bei der Entwicklungshilfe und der von den Taliban auferlegten Einschränkungen. Aufgrund fehlender Finanzmittel mangelt es medizinischen Einrichtungen an lebenswichtigen Medikamenten und medizinischer Ausrüstung. Für Familien, die ohnehin schon Schwierigkeiten haben, sich mit Lebensmitteln zu versorgen, können die Kosten für Medikamente bedeuten, dass sie sich zwischen einer Behandlung und dem Überleben entscheiden müssen.
Schon vor der Machtübernahme der Taliban hatten Frauen Schwierigkeiten, Zugang zu medizinischer Grundversorgung und entsprechenden Informationen zu erhalten. Seit August 2021 stehen Frauen und Mädchen in vielen Provinzen vor zusätzlichen Hindernissen. Sie müssen auf Reisen von einem Mahram (männlichem Vormund) begleitet werden und dürfen nur von weiblichem medizinischem Personal behandelt werden. Gleichzeitig haben die Taliban Frauen den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen, die eine medizinische Ausbildung anbieten, untersagt, was dazu führen wird, dass Frauen gezwungen sein werden, auf medizinische Versorgung zu verzichten, da es keine weiblichen medizinischen Fachkräfte geben wird, die sie behandeln können.
11
Afghanische Geflüchtete werden mit Gewalt nach Afghanistan abgeschoben
Afghanistans Nachbarländer Pakistan und Iran haben fast fünf Millionen afghanische Staatsangehörige abgeschoben oder zur Rückkehr nach Afghanistan gezwungen. Auch die Türkei hat Afghan*innen an der Grenze zurückgewiesen bzw. ohne Prüfung oder nach nur oberflächlicher Prüfung ihrer Schutzanträge direkt nach Afghanistan abgeschoben. In Europa hat Deutschland Taliban-Vertretern die Einreise gestattet, um die Abschiebung von Afghanen nach Afghanistan zu erleichtern. Auch Vertreter der Europäischen Union luden im Juni 2026 eine Taliban-Delegation nach Brüssel ein und trafen sich dort mit ihr, um Abschiebungen aus EU-Ländern zu beraten.
Viele Zurückgekehrte müssen unter den Taliban mit ernsthaften Sicherheitsrisiken rechnen. Zu den besonders gefährdeten Personen zählen Frauen und Mädchen, Journalist*innen, Menschenrechtsverteidiger*innen, ehemalige Regierungsangestellte, Menschen aus der LGBT-Community, Angehörige religiöser Minderheiten sowie als Kritiker*innen der Taliban wahrgenommene Personen.
Zwangsrückführungen verstoßen gegen das Prinzip, dass niemand an einen Ort zurückgeschickt werden darf, an dem ihm Verfolgung, Folter oder sonstiger schwerwiegender Schaden droht.
Mehr erfahren: Pakistan: Nach Zwangsrückführung droht Afghan*innen Verfolgung und Elend
12
Rechenschaftspflicht für schwere internationale Verbrechen
Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat im Juli 2025 erstmals Haftbefehle gegen hochrangige Taliban-Führer wegen geschlechtsspezifischer Verfolgung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit erlassen. Beide werden weiterhin gesucht. Der Chefankläger des IStGH hat die Ermittlungen gegen die Streitkräfte der ehemaligen Regierung und die der USA als „nicht vorrangig“ eingestuft. Für die Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die über Jahrzehnte hinweg in Afghanistan von den Taliban, der ehemaligen afghanischen Regierung und internationalen Streitkräften wie Großbritannien, den USA und Australien begangen wurden, gibt es praktisch keine weitere Rechenschaftspflicht (auch wenn Australien einige geringe Fortschritte erzielt hat). Regierungen sollten den von den Vereinten Nationen mandatierten Unabhängigen Untersuchungsmechanismus für Afghanistan (IIMA) unterstützen, der im Oktober 2025 eingerichtet wurde, um schwere Menschenrechtsverletzungen zu untersuchen, Beweise für vergangene und andauernde internationale Verbrechen aller Parteien in Afghanistan zu sammeln, zu konsolidieren und zu sichern sowie Akten zu erstellen, um künftige Strafverfahren zu erleichtern.
Mehr erfahren: Afghanistan: Rechenschaftspflicht für geschlechtsspezifische Verfolgung und andere schwere Verbrechen dringend erforderlich
Das Ausmaß der humanitären und Menschenrechtskrise in Afghanistan ist enorm. In den vergangenen fünf Jahren sind neue Missstände und zusätzliches Leid entstanden. Dies zeigt sich auch in Dingen, die sich nicht ohne Weiteres fotografieren lassen: Millionen von Mädchen, die Jahre ihrer Schulbildung verloren haben und deren Träume zerplatzen mussten; die bleibenden Schäden durch willkürliche Inhaftierungen, Folter und gewaltsames Verschwinden sowie die ausbleibende Aufarbeitung vergangener Verbrechen; und der fehlende Schutz für Geflüchtete.
Internationale Kritik reicht nicht aus. Regierungen sollten:
- Die Taliban dazu drängen, alle Einschränkungen der Rechte von Frauen und Mädchen unverzüglich aufzuheben, einschließlich Bildungs-, Beschäftigungs-, Bewegungs-, Meinungs- und Teilhabeverbote im öffentlichen Leben.
- Bemühungen um Rechenschaftspflicht unterstützen, unter anderem durch die Arbeit des neu eingerichteten Unabhängigen Untersuchungsmechanismus der Vereinten Nationen für Afghanistan, die laufenden Ermittlungen des Internationalen Strafgerichtshofs, die in der Praxis auf Gräueltaten aller Beteiligten ausgeweitet werden sollten, sowie die von Deutschland, Kanada, Australien und den Niederlanden angeführte Initiative, die Taliban für Verstöße gegen das Übereinkommen zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW) zur Rechenschaft zu ziehen.
- Das Mandat des Sonderberichterstatters der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Afghanistan fortlaufend verlängern, unterstützen und sicherstellen, dass ihm ausreichende Ressourcen zur Erfüllung seiner Aufgaben zur Verfügung stehen.
- Sicherstellen, dass der humanitäre Hilfsplan der Vereinten Nationen für Afghanistan vollständig finanziert wird und Frauen, Mädchen, Menschen mit Behinderungen sowie andere besonders gefährdete Bevölkerungsgruppen erreicht.
- Alle Abschiebungen nach Afghanistan stoppen und stattdessen afghanischen Geflüchteten, Asylsuchenden und Migrant*innen Unterstützung und sichere sowie legale Möglichkeiten bieten.