Schwere konventionelle Waffe tötet mindestens zwölf Schüler in Rakka
1. Oktober 2013
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„Während die Welt versucht, Syriens Chemiewaffen unter Kontrolle zu bringen, töten die Regierungstruppen Zivilisten mit äußerst schlagkräftigen Waffen. Nicht einmal Schüler an ihrem ersten Schultag sind sicher.“
Priyanka Motaparthy, Human Rights Watch-Expertin für Kinderrechte im Nahen Osten

(New York) – Bei einem Luftangriff der syrischen Regierung mit Vakuumbomben vor einer weiterführenden Schule in der Stadt Rakka wurden mindestens 14 Zivilisten getötet. Mindestens zwölf Opfer waren Schüler, die zu ihrem ersten Unterrichtstag erschienen waren.

Ein Bewohner von Rakka, der unmittelbar nach dem Angriff vor Ort war, berichtete gegenüber Human Rights Watch, er habe 14 Leichen gesehen, darunter einige, denen Gliedmaßen fehlten. Ein Arzt aus dem Nationalkrankenhaus in Rakka erklärte, er habe zwölf Leichen gezählt, die meisten davon Schüler. In seinem Krankenhaus seien zudem 25 Verletzte behandelt worden.

Die Verletzungen und Verbrennungen, die auf den Fotos und Videos der Opfer zu erkennen sind, deuten in Verbindung mit der Verteilung und Ausrichtung der Leichen auf den Einsatz von Aerosolbomben hin, umgangssprachlich auch als „Vakuumbomben“ bezeichnet. Sie sind schlagkräftiger als vergleichbar große konventionelle Sprengkörper, haben einen großen Wirkungsradius und richten erhebliche Schäden an. Bei einem Einsatz in bewohnten Gebieten führen sie deshalb meist zu wahlloser Zerstörung.

„Während die Welt versucht, Syriens Chemiewaffen unter Kontrolle zu bringen, töten die Regierungstruppen Zivilisten mit äußerst schlagkräftigen Waffen“, so Priyanka Motaparthy, Human Rights Watch-Expertin für Kinderrechte im Nahen Osten. „Nicht einmal Schüler an ihrem ersten Schultag sind sicher.“

Aerosolbomben gelten weder als Brandbomben noch als chemische Waffen. Wegen ihrer großflächigen Wirkung kann bei ihrem Einsatz nicht zwischen militärischen und zivilen Zielen unterschieden werden, und sie sollten dehalb niemals in bewohnten Gebieten eingesetzt werden.

Zwei weitere von Human Rights Watch befragte Bewohner von Rakka, ein Rechtsanwalt und ein Oppositionsaktivist, gaben an, gegen 8:05 Uhr habe ein Kampfflugzeug der Regierung Bomben abgeworfen, welche auf dem Hof der Ibn Tufail-Handelsschule eingeschlagen seien. Laut Angaben der Befragten befanden sich keine bewaffneten Personen innerhalb oder im Umfeld des Schulgeländes. In der Nachbarschaft habe es auch keine Büros oder Kommandozentralen der Opposition gegeben. Bis zum Beginn des neuen Schuljahrs hatte die Schule als Unterkunft für einige Hundert Binnenvertriebene aus der Gegend um Aleppo gedient.

Videos und Fotos vom Ort des Angriffs zeigen zwei Einschlagskrater, die sich im Abstand von 10 bis 14 Metern voneinander in der südwestlichen Ecke des Schulhofs nahe des Haupteingangs befinden. Beide Krater haben einen Umfang von zwei bis drei Metern und eine Tiefe von 30 bis 60 Zentimetern. Dies ist typisch für eine in der Luft gezündete Vakuumbombe, die nicht beim Einschlag auf dem Boden detoniert.

Satellitenfotos vom 26. September zeigen die Schule umgeben von Feldern und einigen kleinen Häusern ohne sichtbare Anzeichen von militärischer Aktivität. Angesichts dessen ist es wahrscheinlich, dass die Regierungstruppen die Schule gezielt angriffen.

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Die Stadt Rakka liegt etwa 160 Kilometer östlich von Aleppo und wurde seit ihrer Einnahme durch Oppositionstruppen im März häufig zum Ziel von Luftangriffen durch die Regierungstruppen. Die Stadt wurde zunächst von verschiedenen bewaffneten Oppositionsgruppen kontrolliert, gerät jedoch zunehmend unter den Einfluss der Al-Kaida-nahen Bewegung Islamischer Staat des Irak und al-Sham.

Human Rights Watch-Mitarbeiter besuchten Rakka zuletzt im April. Sie konnten aufgrund von Sicherheitsbedenken seitdem nicht dorthin zurückkehren.

Der von Human Rights Watch befragte Oppositionsaktivist gab an, er sei wenige Minuten nach dem Angriff vor dem dreigeschossigen Schulgebäude eingetroffen:

„Genau um 8 Uhr morgens hörten wir ein Flugzeug und wenige Sekunden später die Explosionen. Nachdem wir durch den aufsteigenden Rauch festgestellt hatten, wo der Einschlagsort war, gingen wir dorthin. Wir kamen vier bis sechs Minuten später an. Der Boden war mit Leichen übersät, die Überlebenden waren in Panik.“

Der befragte Rechtsanwalt, der ebenfalls nach wenigen Minuten am Schauplatz des Angriffs ankam, erklärte, er habe dort die Leichen zahlreicher Jungen im Alter von 15 bis 17 Jahren sowie einiger Mädchen und des Hausmeisters der Schule gesehen. Er sagte:

„Ihre Körperteile waren überall verteilt. Es waren nur Fetzen, keine ganzen Körper, nur Teile: Die Hand an einem Ort, die anderen Körperteile woanders. Von einer Leiche war der Kopf abgerissen worden. Aus einem anderen quollen die Eingeweide heraus. Überall waren Bücher und Hefte verstreut.“

Das von der Opposition betriebene Medienzentrum von Rakka erklärte, der Angriff habe 15 Menschen getötet, 14 davon seien Schüler gewesen. Es veröffentlichte eine Liste mit 13 Namen von Opfern. Mindestens 20 weitere Menschen seine verletzt worden, so das Zentrum.

Laut der Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte forderte der Luftangriff 16 Todesopfer, darunter zehn Schüler.

Der von Human Rights Watch befragte Arzt berichtete, er habe drei Verletzte behandelt, zwei von ihnen seien jedoch an ihren Gehirnverletzungen, der dritte an inneren Verletzungen gestorben. Bei einigen Verwundeten hätten sich Granatsplitter in Brust und Bauchgegend befunden, so der Mediziner weiter. Zwei weitere unabhängig voneinander befragte Krankenhausärzte berichteten, sie hätten Opfer mit Brandwunden, inneren Verletzungen und Verletzungen durch Granatsplitter behandelt.

Die Videos und Fotos, die den Einschlagsort und die Opfer unmittelbar nach dem Angriff zeigen, enthalten eindeutige Hinweise auf den Einsatz von Aerosolbomben. Die Verbrennungen und traumatischen Verletzungen gehen offenbar auf eine Stichflamme und Druckwelle zurück und nicht, wie bei konventionellen Sprengkörpern typisch, auf Granatsplitter. Einige der Leichen waren – offenbar durch die Druckwirkung der Explosion – gegen die Einfassungsmauer des Schulhofs geschleudert worden.

Eine entsprechende Waffe im Arsenal der Regierung ist die Aerosolbombe der ODAB-Reihe. In dem derzeitigen Konflikt setzt Syrien diese Waffe bekanntermaßen seit 2012 ein.

Human Rights Watch hat wiederholt und ausführlich willkürliche und in einigen Fällen gezielte Luftangriffe der Regierung auf Zivilisten dokumentiert, darunter auch Angriffe auf Schulen, bei denen Kinder getötet wurden. Solche Attacken stellen schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht dar. Personen, die bewusst einen solchen Verstoß begehen, machen sich eines Kriegsverbrechens schuldig.

Human Rights Watch dokumentierte schon im Juni in einem Bericht, wie Regierungstruppen vom Boden und aus der Luft auf Schulgebäude schossen, die nicht für militärische Zwecke genutzt wurden.

Im Dezember 2012 gab es bereits in jeder fünften Schule in Syrien keinen Unterrichtsbetrieb mehr. Tausende Lehranstalten waren zerstört oder beschädigt oder dienten als Unterkünfte für Menschen, die vor der Gewalt geflohen waren. In besonders umkämpften Regierungsbezirken war die Schülerzahl auf 14% zurückgegangen, so das UN-Kinderhilfswerk UNICEF.

„Das Bombardement in Rakka ist der jüngste einer langen Serie von Angriffen der Regierung, die Schulen trafen und Schüler töteten“, so Motaparthy. „Diese Attacken haben vielen Kindern das Leben gekostet und anderen klargemacht, dass sie durch den Schulbesuch ihr Leben riskieren.“