Kinder sind hohem Vergiftungsrisiko ausgesetzt
27. Oktober 2011
„Die Bemühungen, den Quecksilber-Einsatz im Kleinbergbau zu reduzieren, sind wichtig. In der Debatte fehlt jedoch ein Ansatz, der die öffentliche Gesundheitsversorgung für die Bergarbeiter in den Vordergrund stellt. In dem Abkommen soll Quecksilber nicht nur als ein technisch-ökologisches Thema behandelt werden, sondern auch das Recht auf eine angemessene Gesundheitsversorgung thematisiert werden.“
Juliane Kippenberg, Kinderrechtsexpertin von Human Rights Watch

(Nairobi, 27. Oktober 2011) – Regierungen weltweit sollen die Gesundheit von Millionen Goldschürfern schützen, die mit Quecksilber arbeiten, so Human Rights Watch. Im Vorfeld der Verhandlungen über ein internationales, rechtlich bindendes Abkommen über Quecksilber wendet sich Human Rights Watch mit Empfehlungen an die teilnehmenden Regierungen.

In rund 70 Ländern weltweit wird Kleinbergbau betrieben, der oft auch als „der Bergbau des kleinen Mannes“ bezeichnet wird. Die Arbeiter verwenden arbeitsintensive, technisch einfache Methoden. Um aus den Roherzen Gold zu extrahieren, verwenden sie das billige und leicht handhabbare Quecksilber. Das hochgiftige Schwermetall greift jedoch das Zentralnervensystem an und ist besonders für Kinder schädlich. Medizinern zufolge können hohe Quecksilberbelastungen die Entwicklung des Gehirns, der Nieren und des Verdauungssystems beeinträchtigen und Entwicklungsstörungen hervorrufen. Die Kleinschürfer kommen mit dem Schwermetall in Kontakt, wenn sie Roherz und Quecksilber mit bloßen Händen vermischen und – was weit schlimmer ist – beim Brennen des Amalgams zur Abtrennung des Goldes giftige Dämpfe einatmen.

„Die Bemühungen, den Quecksilber-Einsatz im Kleinbergbau zu reduzieren, sind wichtig. In der Debatte fehlt jedoch ein Ansatz, der die öffentliche Gesundheitsversorgung für die Bergarbeiter in den Vordergrund stellt“, so Juliane Kippenberg, Kinderrechtsexpertin von Human Rights Watch. „In dem Abkommen soll Quecksilber nicht nur als ein technisch-ökologisches Thema behandelt werden, sondern auch das Recht auf eine angemessene Gesundheitsversorgung thematisiert werden.“

Die Verhandlungen werden anlässlich der dritten Sitzung des Zwischenstaatlichen Verhandlungsausschusses vom 31. Oktober bis 4. November 2011 unter Führung des UN-Umweltprogramms in Nairobi, Kenia, stattfinden.

Minenarbeit gehört zu den weltweit gefährlichsten Berufen. Dennoch arbeiten nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation in Asien, Lateinamerika und Afrika etwa eine Million Kinder im Kleinbergbau, um Gold abzubauen - manche von ihnen schon ab einem Alter von sechs Jahren. Human Rights Watch hatdokumentiert, wie Kinder in Papua Neuguinea, Mali und Nigeria Quecksilber ausgesetzt sind.

Ein 11-jähriges Mädchen aus Mali sagte gegenüber Human Rights Watch:

„Sobald das Erz gewaschen ist, tust du ein bisschen Quecksilber dazu. Du reibst das Erz und das Quecksilber mit beiden Händen. Dann, wenn das Quecksilber das Gold angezogen hat, tust du es in einen Metallkasten und verbrennst es. Wenn ich fertig bin, verkaufe ich das Gold an einen Händler. Ich mache das jeden Tag... Ich weiß, das Quecksilber gefährlich ist, aber ich weiß nicht auf welche Weise. Ich schütze mich nicht.“

Kinder, einschließlich Kleinkinder, kommen auch mit Quecksilber in Kontakt, wenn ihre Mütter sie zur Arbeit in die Goldminen mitnehmen und in ihrer unmittelbaren Nähe Amalgam brennen. Quecksilber kann über die Muttermilch in den Körper von Säuglingen gelangen und sogar Föten im Mutterleib gefährden, wenn ihre Mütter mit dem Schwermetall arbeiten.

Nach internationalem Recht müssen Regierungen verhindern, dass Kinder mit Quecksilber arbeiten. Die Arbeit mit Quecksilber wird als eine der schlimmsten Formen der Kinderarbeit betrachtet. Internationales Recht verpflichtet Regierungen zudem, die Gefahr durch Umweltgifte zu verringern, etwa durch eine Reduzierung bzw. ein Verbot des Kontakts mit schädlichen Substanzen.

Derzeit gibt es keine einfache Alternative zum Gebrauch von Quecksilber für Bergarbeiter, die im Kleinbergbau Gold fördern. Dennoch könnten die benötigten Mengen drastisch reduziert und die Auswirkungen weitaus besser kontrolliert werden. Minenarbeiter sollen spezielle Behälter verwenden („retorts“), die den Quecksilberdampf einfangen. Besonders schädliche Praktiken, wie die Verwendung von Quecksilber in Wohngebieten, sollen unterbunden werden. Industrielle Goldminen nutzen kostspielige, komplexe Techniken, die statt Quecksilber Zyanid verwenden.

In seinen Empfehlungen fordert Human Rights Watch, dass der Vertrag Regierungen verpflichten soll, nationale Aktionspläne zur Reduzierung des Quecksilber-Einsatzes im Kleinbergbau zu verabschieden. Diese sollen folgende Maßnahmen enthalten:

  • Der Gesundheitsschutz für betroffene Gruppen, insbesondere für Kinder, soll verbessert werden. Dazu sollen Tests und Therapien für diejenigen, die bereits durch die Verwendung von Quecksilber beeinträchtigt sind, gehören sowie die Erfassung von Gesundheitsdaten, Schulungen des medizinischen Personals und die Aufklärung über die Gefahren des Quecksilbers durch Gesundheitszentren.
  • Strategien sollen innerhalb eines vorgegebenen Zeitrahmens entwickelt werden, durch die die Verwendung von Quecksilber durch Kinder und schwangere Frauen in Kleinminen verhindert wird. Dazu sollen Aufklärungsmaßnahmen, die Durchsetzung von Gesetzen gegen Kinderarbeit und Programme gehören, durch die Kinder nicht mehr länger im Kleinbergbau arbeiten müssen.
  • Es sollen konkrete Ziele für die Reduzierung des Quecksilbereinsatzes für die nächsten fünf, zehn bzw. 20 Jahre aufgestellt werden.

„Die Regierungen haben viel zu wenig unternommen, um Kinder vor Quecksilber zu schützen und Kinderarbeit im Kleinbergbau zu beenden“, so Kippenberg. „Mit diesem Vertrag können sie verhindern, dass Hunderttausende Kinder Quecksilber ausgesetzt sind und vergiftet werden.“